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Wildbesatz — die Bachforelle kommt nach Hause

Viele Gewässer wurden mit allem besetzt, was schnell wuchs und billig zu haben war. Die Quittung kam dann mit Verzögerung: standortfremde Forellen, die abwanderten, krankheitsanfällig waren und die heimischen Stämme verdrängten. Heute geht man vielerorts den umgekehrten Weg — und besetzt wie im Fischereirevier Rohrbach mit echten Mühlviertler Bachforellen aus den Zuchten von Thomas Dieplinger und Christoph Koblbauer.

Wildbesatz im Fischereirevier Rohrbach

Warum überhaupt Besatz — und warum „wild"?

Ein gesundes Fließgewässer reproduziert seine Fische selbst. Das ist die fischereiliche Idealvorstellung — und genau die, an der wir im Mühlviertel arbeiten. Die Realität sieht aber anders aus: Wasserkraftwerke unterbrechen Wanderkorridore, Sandeintrag überdeckt die Laichplätze, Prädatoren reduzieren die Jahrgänge, Hochwasser und Trockenperioden setzen den Brütlingen zu. Wo natürliche Reproduktion nicht reicht, hilft Besatz nach — aber nur, wenn es richtig gemacht wird.

„Wildbesatz" heißt für uns nicht „mit Wildfischen besetzen". Es heißt: ausschließlich Brütlinge und Sömmerlinge der heimischen, donaustämmigen Bachforelle in die Bäche bringen — keine skandinavischen Stämme, keine Atlantik-Forellen, keine schnellwüchsigen Hochleistungslinien. Die Fische sollen so nah wie möglich an dem stehen, was hier seit Jahrtausenden gewachsen ist. Das ist mehr als eine Nische, das ist die Grundsatzentscheidung des Reviers.

„Wir haben festgestellt, dass die autochthonen Bachforellen langsamer wachsen und nicht so groß werden. Sie sind sehr standorttreu und vorsichtiger gegenüber Fressfeinden."— Walter Koller, Geschäftsführer Fischereirevier Rohrbach

Das Erbe der falschen Jahrzehnte

Im 20. Jahrhundert galt: Hauptsache, es schwimmt etwas im Bach. In die oberösterreichischen Gewässer kamen Bachforellen aus Norwegen, Schweden, Dänemark — Stämme, die zwar zur gleichen Art gehörten, aber genetisch von den heimischen Donau-Forellen weit entfernt waren. Diese Importforellen hatten ein Problem: Sie waren nicht standorttreu. Bei jedem Hochwasser ging ein Großteil flussabwärts verloren. Was blieb, kreuzte sich mit den Resten der ursprünglichen Population — und schwächte deren Anpassung an das weiche, saure Granitwasser des Mühlviertels.

Erst um die Jahrtausendwende wurde das Ausmaß sichtbar. Genuntersuchungen an der Universität Graz zeigten, dass in den meisten Bächen des Bezirks nur noch Bruchstücke des donaustämmigen Erbguts erhalten waren — und das auch nur in jenen Zubringern, die durch Wehre vom Hauptgerinne abgeschnitten waren und damit zufällig vor der Vermischung geschützt blieben. Aus diesen wenigen Restbeständen wurden 20 Mutterfische entnommen. Sie sind die Grundlage für alles, was heute besetzt wird.

Wer die Fische zieht: Dieplinger und Koblbauer

Die Wiederansiedlung steht und fällt mit den beiden Zuchtpartnern, die für das Revier arbeiten. Beide sind Beiräte für Fischzucht im Vorstand des Fischereireviers — keine externen Lieferanten, sondern Fischer, die selbst am Bach stehen, die wissen, was die Große Mühl im Frühling braucht und was im Herbst in die Steinerne Mühl kommt. Diese Verbindung ist nicht nur sympathisch, sondern fachlich entscheidend: Wildbesatz funktioniert nur, wenn der Züchter die Bedingungen kennt, in die er seine Fische entlässt.

Gut geschützte Teiche
Beirat für Fischzucht

Thomas Dieplinger

Bachforellen-Brut für die Großen Flüsse

Dieplinger zieht unter anderem Bachforellen vom Eikorn bis zum vorgestreckten Brütling. Sein Ziel ist es, die Bachforellen wieder aus dem genetisch geprüften Mühlviertler Stamm zu erbrüten. Der Schwerpunkt liegt auf größeren Mengen für die Große Mühl, die Steinerne Mühl und ausgewählte Zubringer.

Er arbeitet mit Granitwasser, das in Temperatur und Mineralisation dem späteren Lebensraum der Fische gleicht. Das ist kein Nebenaspekt: Brütlinge, die in „weichem" Urgesteinswasser aufwachsen, akklimatisieren sich nach dem Besatz schneller und überleben statistisch deutlich besser.

SpezialisierungVorgestreckte Brütlinge & Sömmerlinge · donaustämmige Bachforelle
Christoph Koblbauer
Beirat für Fischzucht

Christoph Koblbauer

Bachforellen-Brut für die Zubringer und Kleinbäche

Koblbauer ist der Mann für die feinen Strukturen: kleinere Brutposten, dafür präzise abgestimmt auf einzelne Bewirtschafter und einzelne Bachabschnitte. Wo es um sensible Restpopulationen geht, in die nur eine genau passende Charge eingebracht werden darf, ist er der erste Ansprechpartner.

Seine Stärke ist die enge Begleitung der Bewirtschafter: vom Termin im Frühjahr bis zur Nachschau im Sommer, wenn die Frage ansteht, ob der Besatz angekommen ist. Das ist die Art von Detailarbeit, die in keiner Lieferschein-Statistik auftaucht — und ohne die Wildbesatz nicht funktioniert.

SpezialisierungMaßgeschneiderte Klein-Chargen · Begleitung sensibler Bachabschnitte

Die Bachforelle — warum gerade sie

Die Bachforelle (Salmo trutta fario) ist die Leitart der oberen Forellenregion und damit der Charakterfisch fast aller Mühlviertler Fließgewässer. Sie braucht kühles, sauerstoffreiches, klares Wasser, kiesigen Untergrund zum Laichen und ein Mosaik aus Strömung und Stillwasser. Genau das, was die Großen Mühl, die Steinerne Mühl und die Ranna in ihren intakten Abschnitten bieten — und was sich durch unsere Renaturierungsarbeit Schritt für Schritt zurückerobern lässt.

Die heimische Mühlviertler Bachforelle hat sich über Jahrtausende an dieses Granitwasser angepasst. Sie verträgt pH-Werte unter 6,0, wie sie bei der Schneeschmelze auftreten. Sie wächst langsamer als die Importforellen — eine Bachforelle aus Schwedenzucht erreicht das gleiche Schonmaß in der halben Zeit —, dafür ist sie an der Angel ein anderer Fisch: vorsichtiger, stärker, ausdauernder im Drill. Und sie bleibt, wo sie hingehört. Das ist die wichtigste Eigenschaft von allen.

Was unsere Bachforelle ausmacht

~87 %Donaustämmiger Genanteil bestätigt
2Bachforellen-Zuchten als Partner
15Bäche im Stammforellen-Projekt
seit 2000Wiederansiedlung im Revier

Wie der Besatz im Jahr abläuft

Wildbesatz ist kein Kübel-Kippen. Hinter jeder einzelnen Lieferung Brütlinge stehen Monate Vorbereitung — vom Streifen der Mutterfische im Spätherbst bis zum Eintrag der Sömmerlinge im Folgejahr. Vier Stationen prägen den Rhythmus.

1

Laichgewinnung im Spätherbst

Streifen der Mutterfische zwischen Oktober und Dezember. Eier und Milch werden händisch entnommen, befruchtet und in die Bruttröge gelegt.

2

Erbrütung im Winter

Acht bis zwölf Wochen Inkubation in kaltem Granitwasser. Die fertige Brut schlüpft, zehrt zunächst vom Dottersack und beginnt anschließend zu fressen.

3

Vorstrecken im Frühjahr

Aufzucht zu vorgestreckten Brütlingen — etwa fünf bis sieben Zentimeter, kräftig genug für den Ausbringtransport in die Wildbäche.

4

Besatz vor Ort

Verteilung gemeinsam mit den Bewirtschaftern, abgestimmt auf den jeweiligen Bachabschnitt. Begleitung durch Sichtkontrollen und Elektrofischen-Stichproben in den Folgejahren.

Was Wildbesatz nicht ist — und nicht sein soll

Es muss klar gesagt werden, was wir mit Wildbesatz nicht machen wollen. Wir setzen keine fangreifen Forellen kurz vor Saisonbeginn aus, damit die Tageskarten-Käufer leichtes Spiel haben. Wir setzen keine sterilen Hybride aus, die das Genmaterial weiter verdünnen. Und wir setzen vor allem keine Mengen aus, die der Bach gar nicht tragen kann — denn ein überbesetztes Gewässer ist genauso ein totes Gewässer wie ein leergefischtes.

Stattdessen geht es um eine Stützung dort, wo die natürliche Reproduktion erkennbar lückenhaft ist. Ein Bach mit guter Eigenreproduktion bekommt von uns gar keinen Besatz — sondern Schutz. Das verkennen viele, die von außen auf die Fischerei blicken: Der gute Bewirtschafter ist nicht der, der am meisten besetzt, sondern der, der am wenigsten besetzen muss.

Was wir bereits sehen: In Bachabschnitten, die seit Jahren konsequent mit Mühlviertler Stamm-Brütlingen besetzt werden, finden Elektrofischzüge wieder Mehrjährige Forellenpopulationen mit eigener Reproduktion. Das ist nach 25 Jahren Arbeit kein Triumph, aber ein Beweis: Wildbesatz wirkt — wenn man ihn ernst nimmt.

Die Verbindung zur Renaturierung

Wildbesatz allein reicht nicht. Die besten Brütlinge der Welt nützen nichts, wenn der Bach kein Habitat für sie hat — keine Kolke, keine Strukturen, keine Laichplätze. Deshalb gehören Besatz und Renaturierung im Revier untrennbar zusammen. Wo wir mit Granitsteinen und Uferausstanden die Eigendynamik zurückholen, kommen die Brütlinge an. Wo wir Sand aus den Laichbänken räumen, hat die Folgegeneration eine Chance, von selbst zu kommen — ohne dass wir nachsetzen müssen.

Das ist das eigentliche Ziel: ein Bach, der unsere Brütlinge nicht mehr braucht. Nicht, weil wir aufgehört hätten, uns zu kümmern — sondern weil sich die heimische Bachforelle in den renaturierten Abschnitten wieder selbst trägt. Bis dahin ist der Weg lang. Aber jeder Brütling von Dieplinger und Koblbauer, der in einem unserer Bäche zu einer ausgewachsenen Forelle heranwächst und im nächsten Herbst selbst laicht, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

„Ein Bach, der keine zusätzlichen Forellen mehr braucht, weil er sie selbst „produziert" — das ist unser Ziel. Jeder Brütling, der heute ins Wasser kommt, ist ein kleiner Wettlauf gegen das Vergessen dessen, was hier einmal war."— Fischereirevier Rohrbach